Klassenclowns

Der Facebookaccount „AfD Heidelberg“ teilt ein Bild gegen Christopher Lauer und gewährt damit einen Einblick in sein Welt- und Menschenbild.

Bevor ich mich gleich an einer Textinterpretation versuche, habe ich meinen Lesern (hallo Max!) etwas zu gestehen: Achtung, jetzt kommt sie, meine große Lebensbeichte, deren Löschung aus dem kollektiven Gedächtnis ich kurz vor meiner Vereidigung als EU-Digitalgedöns-Kommissar bei Google beantragen werde, also Luft angehalten und hingesetzt: Ich bin kein großer Fan von Christopher Lauer. Ich finde ihn nicht fürchterlich, einiges, was er tut, sogar sehr richtig, aber wählen tät ich ihn auch nicht. Na ja.

Christopher Lauer ist seit ein paar Wochen die Lieblingszielscheibe einiger AfD-Mitglieder und Sympathisanten, nachdem er umstrittenerweise eine Email bei Twitter veröffentlichte, die ein AfD-Anhänger ihm über dessen Dienstaccount geschickt hatte.

Abgesehen vom betroffenen Sparkassenmitarbeiter und Lauer selbst müsste das alles heute niemanden mehr interessieren, und trotzdem hielt es der Betreiber des Facebookaccounts „AfD Heidelberg“ für eine gute Idee, dieses Bild hier weiter zu verbreiten:

Wenn man diesen kleinen Steckbrief mal mit dem „Selbstaussage-Ohr“ hört, wie Schulz von Thun sagen würde, erfährt man wahnsinnig viel über das Welt- und Menschenbild derjenigen, die es teilen.

Strophe eins:

Einzelkind

Das erste, was dem Verfasser dieses kleinen Lebenslaufs zu einem umstrittenen Politiker einfällt, ist dass er keine Geschwister hat. Mit nur einem Wort will man hier ein Charakterprofil vorzeichnen, und verrät gleichzeitig so wahnsinnig viel über sich selbst: Da ist jemand neidisch auf die ganzen Einzelkinder, die – da war man sich auf dem Schulhof einig – alles in den Arsch geschoben bekommen und die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern… Moment, was sagen Sie da?

 

Mutter (Beamtin) alleinerziehend

Das ist ja widerlich. Beamtin? Alleinerziehend? Und ein Sohn von so einer Hure, die für die Deutschland GmbH die Angestellten Bürger gängelt, will allen Ernstes mal mitreden in diesem Land? Ja wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt jedes dahergelaufene Scheidungskind meint, seine Meinung sei was wert.

Politiker kommen in Deutschland immer noch aus gutem Hause, soll heißen: Mutti ist zu Hause, Papa schafft in der (möglichst eigenen) Firma.
Weiter im Text:

 

Klassendepp (seine Worte: „Ich war ein einsames, kein glückliches Schulkind“)

Ein Junge, der früher Probleme in der Schule hatte, offensichtlich auch dabei, Freunde zu finden. Das weist vielleicht auch auf Außenseitertum und Hänseleien durch andere Schüler hin.

Oder wie man in der AfD Heidelberg sagen würde:

Ein Bild von Nelson, der Haa haa ruft
Quelle

KLASSENDEPP! Ist ja klar: Ein Politiker nimmt den Spastis mit den anderen zusammen das Pausenbrot weg, nicht anders herum! Führungsqualität!

 

Studium (abgebrochen)

Hier lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Da steht nicht „Studium abgebrochen“, auch wenn einige AfDler der Meinung sind, dass nur Akademiker Politiker sein sollten.

Stattdessen bedient das „Studium“ vor der Klammer alle, die eine Abneigung gegen Studierte generell haben, und erst gemeinsam mit der Klammer dann die „Keine Redezeit ohne Promotion“-Nische. Meisterhaft.

 

Fällt seiner alten Partei (Piraten) in den Rücken

Damit ist wohl gemeint, dass es verwerflich sei, aus einer Partei auszutreten, in eine neue einzutreten, und erstere öffentlich zu kritisieren.

Äh, ok.

 

2012 Preisverleihung „Troll des Jahres“

Stimmt. War aber nett gemeint. Egal.

 

Prostituiert sich für Axel-Springer (sic!)

Ja, so läuft das bei der AfD. Fleißig Welt-Online-Artikel teilen, in denen Broder mal wieder alles mit Kotze überzieht, was schön ist in der Welt, aber wer für Springer arbeitet, prostituiert sich. (Finde ich ja auch, aber die Inkonsistenz ist schon bemerkenswert.)



Wir fassen also zusammen:

  • Wer Politiker sein will, muss aus einer normalen™ Familie mit normalen Geschwistern kommen und nicht aus einem degenerierten Erfüllungsgehilfen Volksverräter- Beamtenhaushalt.
  • Wer einsam ist und wem die Schule keinen Spaß macht, der ist ein Vollidiot und darf nicht mit den coolen Kids von der AfD Heidelberg spielen. Wer Klassensprecher werden will, muss den Losern auch mal die Unterhose hochziehen können.
  • Überhaupt ist es für den Wert eines Menschen und seiner Meinung das Wichtigste, in den richtigen Clubs zu sein. Die richtige Familie, der richtige Freundeskreis, die richtige Partei. Denen gegenüber hat man loyal zu sein, was auch kommen mag. Wer nicht zu seiner Gruppe steht, ist ein Verräter, und wer keiner Gruppe angehört, ist zu verachten. Sieben der neun „Kritikpunkte“ an Lauer lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Der ist keiner von uns.

 

Wo bekommt man eigentlich so eine Social-Media-Blase, von der immer alle schwärmen?

Offenlegung: Ich engagiere mich für den Asylarbeitskreis Heidelberg, den Matthias Niebel, Heidelberger Gemeinderat der AfD, schon öfter öffentlich angegriffen hat.