Aufbruch ins Private

Wenn jemand vom „Rückzug ins Private“ spricht, meint er/sie das meistens als Vorwurf. Dahinter steckt die Überzeugung, dass die Augen/Ohren zuzumachen und „La la la“ zu schreien keine Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit sei. Es gibt grob gesehen zwei Möglichkeiten, sich gegen diesen Vorwurf zu wehren: Man kann die Augen/Ohren schließen, „La la la“ schreien und sein Leben lang nur noch Wiederholungen alter Bob-Ross-Folgen ansehen, oder den Nörgelbacken entgegnen, dass das Private vielleicht alles ist, was uns jetzt noch retten kann.

Beweisstück 1 von 1: Doggos. Ja, Hunde. Fünfzehn Jahre lang 1 dachte man, Katzen wären nahezu die genetisch determinierten Herrscher des Internets. Doch das Regime der kleinen, süßen Terroristen scheint ins Wanken zu geraten durch die treudoofen, vom Leben als Gesamtkonzept konstant überforderten Helden, die nichts als Liebe zu geben haben.

Quelle: Imgur.com

Bei Katzen ist es ein bisschen wie bei ABBA: Ich mag sie, aber ich verstehe es gut, wenn man nichts damit anfangen kann. Aber süße Hunde? In Zeiten, in denen wir allen Ernstes wieder diskutieren, welche Form der Planet hat, auf dem wir wandeln, wird es immer einen Konsens geben, von der DKP bis zur „Republik Freies Deutschland“: Süße Hunde sind besser, als wir Menschen es je verdienen könnten.

Man bekommt wohl keinen Edginess-Bambi für die Behauptung, dass wir uns als Spezies derzeit gegenseitig schlecht leiden können. Streit-„Gespräche“ zu Facebookposts und Tweets beschleunigen von „[Kontroverse Meinung]“ auf „Lass dich von IS-Kämpfern vergewaltigen, dreckige Nutte“ in unter fünfzehn Minuten, unter Tweets des US-Präsidenten in einem ähnlichen Ton wie bei Werbung für Barbecuesauce. Nur unter Bildern von Good Boys und Girls herrscht Frieden und Einigkeit.

Wir werden – zum Glück – nicht so bald aufhören, uns zu streiten, und ich schätze eine gute verbale Prügelei mit der örtlichen AfD so sehr wie die meisten. Und trotzdem täte es gut, sich klar zu machen, dass diese dreckige Wichsfresse, die wieder ihre Meinung in unseren Feed scheißen musste, ein Mensch ist, der wahrscheinlich genauso dämlich aus der Wäsche guckt wie wir, wenn er einen kleinen Welpen gähnen sieht.

Plädoyers für mehr Nettigkeit und Flauschigkeit in der Welt werden von beiden Fronten eines Streits schnell niedergemacht als Rückgratlosigkeit oder implizite Zustimmung für die Anderen™. Aber wenn der letzte Flamewar des Tages ausgefochten ist, und man eh noch nicht schlafen kann wegen dieser einen Drecksau und ihren erbärmlich dummen Kommentaren, treffen wir uns doch wieder – unter anderen Pseudonymen – bei Freunden wie Barney, verdrücken uns ein paar Tränen der Freude und sind glücklich, dass wenigstens einer auf der Welt genau das bekommt, was er verdient:


  1. oder so 

Klassenclowns

Der Facebookaccount „AfD Heidelberg“ teilt ein Bild gegen Christopher Lauer und gewährt damit einen Einblick in sein Welt- und Menschenbild.

Bevor ich mich gleich an einer Textinterpretation versuche, habe ich meinen Lesern (hallo Max!) etwas zu gestehen: Achtung, jetzt kommt sie, meine große Lebensbeichte, deren Löschung aus dem kollektiven Gedächtnis ich kurz vor meiner Vereidigung als EU-Digitalgedöns-Kommissar bei Google beantragen werde, also Luft angehalten und hingesetzt: Ich bin kein großer Fan von Christopher Lauer. Ich finde ihn nicht fürchterlich, einiges, was er tut, sogar sehr richtig, aber wählen tät ich ihn auch nicht. Na ja.

Christopher Lauer ist seit ein paar Wochen die Lieblingszielscheibe einiger AfD-Mitglieder und Sympathisanten, nachdem er umstrittenerweise eine Email bei Twitter veröffentlichte, die ein AfD-Anhänger ihm über dessen Dienstaccount geschickt hatte.

Abgesehen vom betroffenen Sparkassenmitarbeiter und Lauer selbst müsste das alles heute niemanden mehr interessieren, und trotzdem hielt es der Betreiber des Facebookaccounts „AfD Heidelberg“ für eine gute Idee, dieses Bild hier weiter zu verbreiten:

Wenn man diesen kleinen Steckbrief mal mit dem „Selbstaussage-Ohr“ hört, wie Schulz von Thun sagen würde, erfährt man wahnsinnig viel über das Welt- und Menschenbild derjenigen, die es teilen.

Strophe eins:

Einzelkind

Das erste, was dem Verfasser dieses kleinen Lebenslaufs zu einem umstrittenen Politiker einfällt, ist dass er keine Geschwister hat. Mit nur einem Wort will man hier ein Charakterprofil vorzeichnen, und verrät gleichzeitig so wahnsinnig viel über sich selbst: Da ist jemand neidisch auf die ganzen Einzelkinder, die – da war man sich auf dem Schulhof einig – alles in den Arsch geschoben bekommen und die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern… Moment, was sagen Sie da?

 

Mutter (Beamtin) alleinerziehend

Das ist ja widerlich. Beamtin? Alleinerziehend? Und ein Sohn von so einer Hure, die für die Deutschland GmbH die Angestellten Bürger gängelt, will allen Ernstes mal mitreden in diesem Land? Ja wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt jedes dahergelaufene Scheidungskind meint, seine Meinung sei was wert.

Politiker kommen in Deutschland immer noch aus gutem Hause, soll heißen: Mutti ist zu Hause, Papa schafft in der (möglichst eigenen) Firma.
Weiter im Text:

 

Klassendepp (seine Worte: „Ich war ein einsames, kein glückliches Schulkind“)

Ein Junge, der früher Probleme in der Schule hatte, offensichtlich auch dabei, Freunde zu finden. Das weist vielleicht auch auf Außenseitertum und Hänseleien durch andere Schüler hin.

Oder wie man in der AfD Heidelberg sagen würde:

Ein Bild von Nelson, der Haa haa ruft
Quelle

KLASSENDEPP! Ist ja klar: Ein Politiker nimmt den Spastis mit den anderen zusammen das Pausenbrot weg, nicht anders herum! Führungsqualität!

 

Studium (abgebrochen)

Hier lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Da steht nicht „Studium abgebrochen“, auch wenn einige AfDler der Meinung sind, dass nur Akademiker Politiker sein sollten.

Stattdessen bedient das „Studium“ vor der Klammer alle, die eine Abneigung gegen Studierte generell haben, und erst gemeinsam mit der Klammer dann die „Keine Redezeit ohne Promotion“-Nische. Meisterhaft.

 

Fällt seiner alten Partei (Piraten) in den Rücken

Damit ist wohl gemeint, dass es verwerflich sei, aus einer Partei auszutreten, in eine neue einzutreten, und erstere öffentlich zu kritisieren.

Äh, ok.

 

2012 Preisverleihung „Troll des Jahres“

Stimmt. War aber nett gemeint. Egal.

 

Prostituiert sich für Axel-Springer (sic!)

Ja, so läuft das bei der AfD. Fleißig Welt-Online-Artikel teilen, in denen Broder mal wieder alles mit Kotze überzieht, was schön ist in der Welt, aber wer für Springer arbeitet, prostituiert sich. (Finde ich ja auch, aber die Inkonsistenz ist schon bemerkenswert.)



Wir fassen also zusammen:

  • Wer Politiker sein will, muss aus einer normalen™ Familie mit normalen Geschwistern kommen und nicht aus einem degenerierten Erfüllungsgehilfen Volksverräter- Beamtenhaushalt.
  • Wer einsam ist und wem die Schule keinen Spaß macht, der ist ein Vollidiot und darf nicht mit den coolen Kids von der AfD Heidelberg spielen. Wer Klassensprecher werden will, muss den Losern auch mal die Unterhose hochziehen können.
  • Überhaupt ist es für den Wert eines Menschen und seiner Meinung das Wichtigste, in den richtigen Clubs zu sein. Die richtige Familie, der richtige Freundeskreis, die richtige Partei. Denen gegenüber hat man loyal zu sein, was auch kommen mag. Wer nicht zu seiner Gruppe steht, ist ein Verräter, und wer keiner Gruppe angehört, ist zu verachten. Sieben der neun „Kritikpunkte“ an Lauer lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Der ist keiner von uns.

 

Wo bekommt man eigentlich so eine Social-Media-Blase, von der immer alle schwärmen?

Offenlegung: Ich engagiere mich für den Asylarbeitskreis Heidelberg, den Matthias Niebel, Heidelberger Gemeinderat der AfD, schon öfter öffentlich angegriffen hat.

Erstaunliche Menschen zum Staunen (1): Der Bon-Jovi-Mann

Ich schäme mich nicht 1, das zuzugeben: Manchmal packt auch mich der Drang, etwa als Akt betrunkener Verbrüderung, inbrünstig Bon Jovis Livin‘ on a Prayer 2 mitzukreischen. Heute traf ich im Bus das erste Mal jemanden, der diesen Song still für sich auf dem MP3-Player hörte, allem Anschein nach unnarkotisiert und auf dem Weg zur Arbeit. Nicht einmal seinen Head bangte er dazu. Er wischte einfach seelenruhig durch seine Facebook-Timeline und likete Gruppenselfies und Ottervideos wie alle anderen braven Fahrgäste auch, als würde sich da in seinen Ohren nicht gerade die gleichzeitig dramatischste und mittelmäßigste Rückung der Poprockgeschichte anbahnen.

Wie muss ich mir das Leben eines Menschen vorstellen, der ohne eine Gefühlsregung zu zeigen Livin‘ on a Prayer in einem vollen Bus hört? Ist der Song für ihn der tägliche Soundtrack zu einem „guten Start in den Tag“, wie ihn einem diese Formatradioarschlöcher immer wünschen?

Vielleicht fuhr aber auch gar nicht zur Arbeit, sondern nach der Nachtschicht heim, die Hände kalt und steif, die Beine schwer und müde, schloss kurz zufrieden die Augen und dachte bei sich: „Meine Schichten als Straßenlaternenwiederantreter mögen oft hart und einsam sein, aber spätestens wenn sich Richie Samboras Talkboxgitarre an den eisenharten Rhythmus schmiegt, sind alle meine Sorgen vergessen.“

Es ist mir unmöglich, beim Hören von Livin‘ on a Prayer Freude zu empfinden, solang ich dabei niemandem ins Gesicht schreien kann. Wer Bon Jovis Musik der Achtziger in aller Stille genießen kann, muss jemand sein, der sich selbst genug ist und nicht in den Pupillen irgendeines Gegenübers suchen muss, um zu wissen, wo er im Leben steht. Die Gewissheit, dass einer dieser bemerkenswerten Menschen nachts auf Heidelbergs Randbezirke aufpasst, lässt mich ruhig schlafen und süß träumen.


  1. Naja, eigentlich doch.  

  2. Obacht: Link führt zum Promovideo des Bon-Jovi-Hits Livin‘ on a Prayer

Thanks, Obama!

Obama geht und der andere kommt. Ein bisschen Nostalgie, um mich selbst aufzumuntern.

Am 4. November 2008 saß ich mit meinen Nachbarn und Vermietern im Keller unseres Hauses in Brooklyn, New York, und verfolgte die Präsidentschaftswahlen.

Ein paar Tage vorher ging ich in irgendein riesiges Kino und sah mir „W“ an, ein lustig gemeintes Portrait über George W. Bush. Neben mir saßen Alex, mein Mitbewohner, der von seinen Freunden immer „Peru“ genannt wurde und aus Venezuela kam, und mein Nachbar Alonso, ein ecuadorianischer Modedesigner, dessen Geschichten, er habe in erfolgreicheren Zeiten Kleider für Björk entworfen und mit Catherine Deneuve auf Dinnerpartys geflirtet, erstaunlicherweise jeder Überprüfung standhielten.

Ich hatte noch andere Freunde gefragt, ob sie mitkommen wollten, die winkten aber dankend ab und meinten, so lange Dubbya noch Präsident sei und es die Möglichkeit gebe, dass es mit McCain und Palin (!) so weitergehe, könnten sie sich das nicht antun: „Well, the joke’s on us, isn’t it? The guy is our president.“

Für Alonso war Obama nicht weniger als der Messias: Mit ihm würden sich innerhalb weniger Monate die Probleme der USA und der Welt in Luft auflösen. Entsprechend hing alles von dieser Wahl ab. Wenn Alonso bei unseren fast täglichen Fernsehabenden die zweite Literflasche Rotwein aufmachte, redete er bereits in einer Vehemenz auf uns ein, als wäre irgendjemand von uns wahlberechtigt gewesen oder hätte im Traum daran gedacht jemand anderen zu wählen. Neben Obama gab es für ihn nur einen weiteren brauchbaren Politiker auf der Welt: Hugo Chavez. Wenn das Gespräch auf ihn kam, ging Peru ins Bett.

Wir saßen also bei unseren Vermietern vor dem Fernseher. Sie wohnten im Keller des Hauses, mit Lehmboden und ohne Tageslicht. Das Haus war alles, was sie besaßen, jeder Penny ihres Vermögens steckte darin. Sie hatten beide Zeiten erlebt, in denen „Leute wie sie“ in den USA nicht gleichberechtigt wählen durften. Ihr Sohn war ein ehrfurchteinflößender, schwarzer Hühne in baggy Basketballkleidung, hatte mal in Deutschland bei einer Reederei gearbeitet und machte sich einen Spaß daraus, mir nachts mit seinem Pitbull auf der Straße aufzulauern und so zu tun, als wolle er mich überfallen.

Als die Nachricht kam, dass Obama genügend Electoral Votes bekommen würde, brach in unserem Viertel die Hölle los. Es war Weihnachten, Silvester und der Unabhängigkeitstag in einem, auch angesichts der Feiertraditionen, derer man sich bediente. Gemeinsam mit Marie und Carlos, Alonsos Mitbewohnern, die ihr professionelles Glück im Produzieren von Videos suchten, sprangen wir samt Kamera in die U-Bahn und fuhren nach Manhattan.

Schon auf der Fahrt interviewte Alonso unsere Mitfahrer mit emotional aufgeladenen Suggestivfragen und Carlos hielt drauf. Wenn Alonso die Interviewten mal zu Wort kommen ließ, verzichtete niemand auf die magischen Worte: „hope“ und „change“. Das waren damals keine Leerphrasen, sondern nach acht Jahren Bush aufrichtige Wünsche.

Wir schafften es gerade rechtzeitig zu Obamas victory speech ins East Village.

Nach dem pflichtgemäßen, aber offensichtlich aufrichtigen „Thank you, God bless you, and may God bless the United States of America“ drehte der Barkeeper den Jackson-Five-Song „I Want You Back“ mit seiner euphorisch ausufernden Bassline auf und wir lagen uns mit Fremden in den Armen.

Eine WG am St. Mark’s Place hatte gigantische Boxen auf die Feuertreppen vor ihrer Wohnung gestellt und aufgedreht (natürlich verboten), mehrere hundert Menschen versammelten sich davor auf der Straße (verboten), tranken Alkohol (sowas von verboten) und wir stimmten gemeinsam zwischen Rihanna- und Justice-Songs The Star-Spangled Banner an. Die Polizei sperrte die Straße einfach für Autos ab und schaute nicht so genau hin, was in den Flaschen war.

Alonso hatte wohl noch in der Nacht einen Zusammenbruch und war eine Woche lang krank. Noch in meiner Wohnung hörte ich ihn schnarchen. Zwei Monate Dauerstress und die wohl wildeste Feiernacht seines Lebens hatten ihn niedergestreckt, er war ja auch keine 40 mehr.

Ich will nicht zu viel verraten, aber: Die Probleme der Welt lösten sich nicht innerhalb von wenigen Monaten. Natürlich musste nach so einer Feier der Kater kommen. Natürlich war Obama weder Christus noch King noch Chavez. In seiner Amtszeit war er mit beispiellosen Problemen konfrontiert und traf manche Entscheidungen, die mich und viele andere empörten.

Wer von Obama im Großen und Ganzen enttäuscht ist, dem unterstelle ich trotzdem entweder irre Ansprüche, mangelnde Kenntnis darüber, was ein Einzelner bewirken kann, oder schlichtweg Unkenntnis über seine Erfolge. Die USA sind heute ein Land, das sich (bis jetzt) zu Maßnahmen gegen den Klimawandel bekennt, in dem man (vorerst) nicht unehrenhaft aus dem Militär entlassen wird, wenn man sich zu seiner Sexualität bekennt, in dem Menschen (noch) eine Chance auf Gesundheitsversorgung haben, in dem Homosexuelle heiraten können (looking at you, Deutschland!), und in dem ein schwarzer Mann, der vier Jahre lang von der Opposition verleumdet, schamlos beleidigt und sabotiert wurde, ein zweites Mal zum Präsidenten gewählt wird. Nicht obwohl, sondern weil er sich nie auf dieses Niveau herabgelassen hat.

Wenn ich Obama heute sehe und mir vorstelle, dass eine sexistische, rassistische und grundkorrupte Mandarine seinen Platz einnehmen wird, dann denke ich wieder an den 4. November 2008 und die Monate davor. An die Depression der New Yorker, die acht Jahre unter Bush geächzt hatten, und das ekstatische Gefühl der Erleichterung, als die Bush-Regierung endlich am Ende war. Das Gefühl, dass es auch anders geht.

Die USA haben acht Jahre Bush überlebt. Und ich werde im November 2020 im East Village sitzen.

Angepasst

Ich: Hallo.
Sie (leicht schnaufend, aus dem Hinterzimmer kommend, osteuropäischer Akzent): Hallo, guten Tag.
Ich habe zwei Hemden gekauft, die sind mir aber hinten zu weit. Können Sie die umnähen?

Zeigen Sie mal her… Uff, so ein schmaler Kragen? Wer macht denn sowas?
Ich mag schmale Kragen ja ganz gerne.

Ja, die Mode macht ja alles Mögliche. Von wann sind die denn?
Die habe ich ganz neu.

Sowas machen Leute gerade? Naja, manche mögen das ja. Manche wollen auch gar keinen Kragen, so indisch.
Das finde ich auch schön.
Ja, das sieht toll aus und man muss nicht so viel bügeln. Ziehen Sie das erste Hemd mal an.

Oh Gott, was sind denn das für kurze Ärmel? Das ist jetzt modern? Das kann ich Ihnen hinten abnähen, wenn Sie möchten. Vorne brauchen Sie aber die Oberweite. Vom Sport, oder?
Ein bisschen Sport und viel Essen.
Haha, na gut, dann mal das andere. Das kann ich Ihnen auch so abnähen.
Super.
Das ist aber ein toller Stoff. Ich kann kritisieren, aber ich kann auch loben! Wenn Sie solche Hemden noch in anderen Farben kaufen können, sollten Sie das machen, das ist mein Tipp an Sie!
Leider nein, das gab es nur in blau.
In braun oder beige würde das aber auch gut aussehen. Was hat das denn gekostet?
War gar nicht so billig, 40 Euro, glaube ich.
Um Himmels Willen, da müssen Sie beim nächsten Mal im Schlussverkauf gucken!
Das war sogar schon runtergesetzt …
Zeigen Sie nochmal … Achja, bei denen zahlt man immer die Marke mit.
Das ist eine Marke, die ihren Nähern mehr Geld bezahlt, dafür ist es dann etwas teurer.
(Das Hemd musternd) Mhm …
Außerdem ist das aus Biobaumwolle und so.
Jaja, Bio. Manchmal quatschen die Leute aber auch einfach zu viel.
Haha, das mag stimmen.
Zum Beispiel das Auto da draußen. Ist auch von einem Biorestaurant, aber parkt direkt vor unserer Tür. Soll der doch da parken, wo Bio ist. Am Freitag können Sie dann die Hemden abholen.
Ich freu mich drauf.

Vorbestellen!

Ich durfte die letzten Tage in der Orthopädie in Schlierbach verbringen. Ein Review.

Aus Gründen, die mir mein Rücken bis heute verschweigt, machte dieser am letzten Samstag ein Riesentheater und forderte vehement mit Blaulicht (<– arschcool) in die Notaufnahme gefahren zu werden. Ich bin aus Sicherheitsgründen lieber mitgefahren. Nachdem kein Schmerzmittel mich auf die Beine bringen konnte, schob man mich einfach auf den Flur, bis sich einer aus der Orthopädie erbarmte und mich mit hoch nahm.

Personal: Alle Mitarbeiter waren ausgesprochen freundlich und zuvorkommend. In den zweieinhalb Tagen, die ich wie ein Käfer auf dem Rücken im nur manuell verstellbaren Bett verbrachte, war sich von der Reinigungskraft bis zur Assistenzärztin niemand zu schade, mal kurz mein Bett wieder hoch, nein, wieder ein bisschen runter, nee, ein bisschen höher, danke, und nach einer Viertelstunde wieder runter zu stellen.

Zwei Dinge lieben Ärzte und Therapeuten in der Orthopädie Heidelberg: Schmerzmittel und Mobilitätstests. Kein Arzt oder Therapeut ließ es sich nehmen, den lustigen Zehenspitzen-Hacken-drücken-Sie-mal-ziehen-Sie-mal-Test selbst noch einmal durchzuführen, und wie eine alte Tante kurz vor dem nächsten Taschengeld fragten alle immer besorgt, ob ich denn noch genug Morphin hätte oder sie mir noch etwas zustecken sollten (aber nicht alles auf einmal nehmen!). 9/10

Ambiente: Die Orthopädie Heidelberg besticht durch ihre idyllische Hanglage und astreine Schwarzwaldklinikromantik (was ich jetzt verifizieren könnte, wenn ich nicht zu faul wäre „Schwarzwaldklinik“ zu googeln). Aus dem Fenster des geräumigen Dreibettzimmers schaut man auf saftig grüne Wälder und ein großer durchgehender Balkon lüde zum Verweilen ein, wenn a) mein Rücken kein dreckiger Bastard wäre und es b) nicht Ende April 3°C und Schneeregen gehabt hätte. Das historische Treppenhaus hat entlang der Stufen eine steinerne Notrutsche (<– arschcool) mit der grausamsten Plakettenaufschrift, die ich je lesen musste: „Benutzung der Rutsche verboten.“ Die Physiotherapeutin beruhigte mich und versicherte mir, dass sich die meisten Kinder daran nicht halten. 9.5/10

Quelle: http://blogs.faz.net/planckton/files/2013/07/1.jpg

Essen: Die Vepflegung im Klinikum wird von der Firma „Apetito“ geliefert, einem Unternehmen mit Sitz in der Gourmethauptstadt Rheine. Dort werden junge Köche auf der Straße eingefangen, gechippt und so lange mit brauner Soße zwangsernährt, bis der Lebenswille in ihren Augen erlischt. Wenn sie nachweislich keine Gefühlsregung bzw. körperliche Symptome wie Ausschlag zeigen, wenn man ihnen Videos von träumenden Hundewelpen zeigt, werden sie in die Abteilung „Menüdesign“ befördert.

Wenn der Patient in die 20 Minuten durchgekochten Gallertstreifen mit angedickter Hamburgersoße und Röstzwiebeln („Käsespätzle“) beißt, überfällt ihn das Gefühl tiefer Traurigkeit und Verzweiflung. Auch mit der hastig nachgeschobenen, in Essig und Hass getränkten Rotkrautbeilage lässt sich dieser Geschmack nicht mehr aus dem Gedächtnis tilgen. Schon der Anblick und Geruch dieses weißgelben Klumpens wecken in der Magengegend ein Gefühl irgendwo zwischen Sodbrennen und der Gewissheit, einen guten Freund enttäuscht zu haben.

Bevor das Brot fürs Frühstück und Abendessen servierfertig ist, muss es zunächst drei Tage in einem auf 2°C runtergekühlten Kartoffelkeller lagern. Ein Lichtblick ist da der „Erdbeer“-„“Joghurt““ (0,1% Fett), der laut Etikett nicht gekühlt werden muss und zu einem wesentlichen Teil aus Karottenkonzentrat besteht. Schmeckt topp.

Fazit: Die Orthopädieklinik Heidelberg ist eine gute Adresse für nutzloses Rumliegen unter Schmerzen in professioneller, freundlicher Atmosphäre. Einen Stern ziehe ich ab für das Essen, dessen Einnahme im dritten Kreis der Hölle aus Gründen der Menschlichkeit verboten wurde. Nehmen Sie sich eine Stulle mit.

Quelle: http://brandondoesdallas.com/wp-content/uploads/2015/06/stars_large_2x_4star.png

 

Spieleabend

Bei Only Connect spielen zwei Teams ein teilweise irrwitzig schweres Quiz gegeneinander. Es gibt kein Studiopublikum, keine Showeffekte, ja, nicht einmal einen Preis. Es ist die beste Show, die ich je gesehen habe.

Das „Only Connect“ Logo (Quelle: wikipedia)

Der Bildschirm leuchtet in einem unangenehm generischen Blau. Ein Streichquartett spielt die uneingängige, aber liebliche Titelmelodie, während Tafeln mit ägyptischen Hieroglyphen munter durch die Gegend flitzen und im Logo der Show aufgehen. Man bekommt den Eindruck, hier habe jemand im MS Office Quiz Title Creator® eine Standardvorlage geöffnet, die Wörter „Only“ und „Connect“ eingefügt und dann pünktlich Mittagspause gemacht. Schnitt zu einem spärlich beleuchteten Studio, das offensichtlich in einem geheimen Keller in Cardiff eingerichtet wurde. Man sieht förmlich, wie hinter der Kamera immer wieder einmal ein BBC-Mitarbeiter auf der Suche nach dem Kopierraum die Tür öffnet, den einatmenden „Ssss“-Laut eines unfreiwilligen Eindringlings macht und die Tür leise wieder schließt.

„Hello. Are you lost? Come in! Come into this weird little room. We’re going to play a game called Only Connect. I’m going to ask some questions and you won’t know any of the answers. But that’s ok. There are no prizes, I can’t hear you, and conciousness is finite so nothing matters anyway. Let’s meet the teams!“ (Aus Staffel 9, Folge 2)

Kurze unangenehme Pause. Es ist kein Publikum da, das über den skurrilen Anfangswitz lachen könnte. Dann werden die Dreierteams vorgestellt, die so schmissige Namen wie „History Boys“, „Chessmen“, „Felinophiles“ (ja, sie wurden schon öfter darauf angesprochen, dass es eigentlich Aílourophiles heißen müsste) oder „Edinburgh Scrabblers“ tragen. Ihre Mitglieder sind Programmierer, Beamte, Geschichtsstudentinnen, Starmaterial eben.

Ihre Aufgabe ist es, die versteckte Verbindung zwischen maximal vier Hinweisen zu suchen. Je weniger Hinweise man braucht, desto mehr Punkte sammelt man. Lust auf eine Runde? Hier einmal eine leichte, Sie haben 40 Sekunden Zeit (Für die Lösung auf die Fußnote klicken oder den Cursor draufhalten1 ):

only connect round 1
Quelle: youtube.com

Noch ein Beispiel, diesmal aus Runde 2: Was kommt als Viertes in der Reihe?

36 – verborgen
18 – träge
10 – neu
?

Wenn Sie jetzt innerhalb von 40 Sekunden auf „2 – Sonne“ gekommen sind, dann könnten Sie es vielleicht ins Staffelfinale von Only Connect schaffen 2 .

Stuart Heritage schreibt im TV- und Radioblog des Guardian über den „uneasy appeal“ der Sendung, die mittlerweile ein kleiner Hit ist und von BBC 4 nach BBC 2 umgezogen ist. Die Show sei befremdlich mit ihren merkwürdigen Teilnehmern und demütigend schwierigen Aufgaben. Das wäre sie vielleicht, wäre Victoria Coren Mitchell nicht so eine brillante Moderatorin.

Stattdessen macht sie schon mit ihren im Raum verhallenden Anmoderationen klar, dass es in dieser Show nicht darum geht, dem Publikum etwas zu bieten, cool oder interessant im herkömmlichen Sinne zu sein. Überhaupt fühlt man sich als Zuschauer angenehm ignoriert. Da sitzen einfach sieben Nerds zusammen, und spielen ein kleines Spiel miteinander, in dem es um nichts geht außer um die Herausforderung und das Teilen von obskuren Wissenshäppchen, mit denen man auf keiner Cocktailparty glänzt (Coren Mitchell:“Was wissen Sie über den Gitarristen der Monkees?“ Alle im Chor: „Seine Mutter hat Tipp-Ex erfunden!“). Abgerundet wird das ganze mit selbstironischen Bemerkungen darüber, dass das alles außerhalb des Studios niemanden wirklich interessiert.

Wenn in der zweiten Runde das letzte in einer Reihe von vier Liedern gesucht wird, schlägt Coren Mitchell auch gerne einmal vor, dass die Kandidaten es gemeinsam singen (ohne Begleitung natürlich) und in jeder anderen Sendung wäre es cringeworthy, wie der Captain der „Wayfarers“ alleine mit viel Inbrunst und wenig Tongefühl „Gold“ von Spandau Ballet singt. Aber das ist nicht der Grund, warum sie das vorschlägt, hier wird niemand vorgeführt. Es macht einfach Spaß zu singen, das ist alles.

Wenn die Kandidaten nicht gerade Lieder singen, die sie leidlich kennen, nuscheln sie sich gegenseitig ins Ohr, um Lösungsvorschläge und Ansätze auszutauschen. Die soll das gegnerische Team nicht hören, damit es möglichst keinen Bonuspunkt abstaubt, wenn man selbst die falsche Antwort gegeben hat. Der Zuschauer versteht von dem Gemurmel genauso wenig. Tja.

Wenn die Kandidaten mal eine halbrichtige Antwort geben, gibt Coren Mitchell auch gerne einmal Hilfestellung und hat einiges an Freiraum, was die Vergabe der Punkte angeht. Auch das funktioniert wegen der sportlichen und freundlichen Atmosphäre, die in und zwischen den Teams herrscht, nach dem „OUTBURST!“-Motto: Es ist nur ein Spiel, gib im Zweifel den Punkt.

Das Streichquartett markiert mit dem üblichen Thema das Ende des zehnten Staffelfinales, wie am Ende jeder Folge. Nach vier Runden „excellent quizzing“ (Coren Mitchell) werden die „Orienteers“ zum Champion ernannt, was ihnen ein amüsiertes Schmunzeln entlockt, und das gegnerische Team applaudiert freundlich. Die Vergabe der hässlichen Glastrophäe regeln Coren Mitchell und die Sieger dann später im Hintergrund, während schon der Abspann läuft. Ist auch nicht so wichtig.


  1. ABBA-Songs. Easy. 

  2. Die Zahlen repräsentieren natürlich die Ordnungszahlen der ersten vier Edelgase in der Periodentabelle in absteigender Reihenfolge und die Wörter geben an, was der jeweilige Elementname bedeutet, z.B. Krypton von κρυπτός = verborgen. Ja, das wurde erraten. 

Soll/Ist

Ein 600-Wörter-Text darüber, warum ich einen Witz nicht lustig finde. Deutscher geht’s nicht.

Jan Böhmermann veröffentlicht ein Video und ich finde es nicht so toll, die Welt steht Kopf. Dabei freue ich mich über so ziemlich alles, was Neo Royal produziert, selbst wenn es mir selbst mal nicht gefällt, allein schon deswegen, weil es eins der raren Programme ist, die sich nicht schon im Vorfeld zurechtstutzen, um dem dümmsten anzunehmenden Zuschauer nicht auf die Füße zu treten.

Das führt dazu, dass Witze auch mal nicht verstanden werden, wie im Fall von „Ich hab Polizei“. Kritisiert wurde an dem Video unter anderem, dass der Song wahrscheinlich auf jeder Revierweihnachtsfeier gelaufen ist, weil die Kritik an der Polizei zu unterschwellig gewesen sei 1. Und diesmal bin ich wohl dran: Ich verstehe den Witz nicht. Weil ich nicht verstehe, an wen er sich richtet.

Aber hey, man soll Kritik ja immer mit positivem Feedback sandwichen, also zunächst mal die schönen Anteile: Jan Böhmermann trägt topp Klamotten, kann den Lindemann genauso gut tanzen wie den Hafti, und macht überhaupt vieles richtig. Auch Rammstein als das Aushängeschild der Klischeedeutschen im Ausland zu verwenden, um dann von müslifressenden Fahrradhelmträgern zu grummeln, alles wunderbar.

Bis hierhin könnte man auch meinen, der Song sei gerade an diese Müslifresser gerichtet. Ein Hymne für die Gutmenschen, Islamversteher und Mülltrenner dieses Landes, was wäre das schön gewesen. Und dann geht das alles etwa bei Minute 2 vor die Hunde. Denn anscheinend ist das Video nicht nur an Menschen in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern wie den USA oder der Türkei gerichtet.

Aus der Videobeschreibung:

The world is going completely nuts! Europe feels threatened by 0.3% refugees, the USA are about to elect a man, of who no one really knows who is pulling the strings under the toupee and just as if that was not bad enough, Germany of all nations has to disabuse the world of how to behave morally right. I mean GERMANY! They did not even win one single world war in history!

Pffff. Haha, ja, echt ein bisschen dumm, oder? Die Welt kann also von Deutschland gerade so richtig was lernen, wie man topp mit Flüchtlingen umgeht 2, wen man zu wählen hat (You have an election to vote for the best / But we see it more like an IQ test)3, und wie man friedlich und sozial miteinander umgeht.

Das ist auf so eine unsympathische Art selbstherrlich und herablassend, dass aus der Parole „We are proud of not being proud“ mit einem lustlosen Furzen die Luft entweicht und am Ende doch wieder ein sehr unqualifiziertes „We are proud“ übrig bleibt. Da darf dann natürlich auch Kant (DEUTSCH-enlightened) nicht fehlen. Das Video hätte ein Bild zeichnen können von Deutschland, wie es sein will und kann, stattdessen verwechselt es Soll- und Ist-Zustand 4 und übrig bleibt ein großer Circle Jerk über „wir gegen die“, also PEGIDA, Trump, Erdogan, haha, die ganzen Idioten halt, den wir uns gegenseitig in die Chronik posten können. Schade eigentlich, hatte doch so gut angefangen.

Was noch? Ach ja, zum Sandwich fehlt noch die zweite Lobschnitte. Wieder von Youtube zitiert, diesmal aus den Kommentaren:

Wenn dieser Möchtegern-Rapper selber den Umbruch in der ehemaligen DDR miterlebt hätte, würde er sich in Grund und Boden schämen für sein kleines billig gestricktes Machwerk. Große Teile des Volkes haben bei den letzten Wahlen gesprochen und sich klar von Merkels linksradikaler Politik abgewendet. Das sollte man tolerieren und berücksichtigen, genauso wie toleriert werden sollte, wenn integrationswillige und wahrhaft Schutzsuchende Asyl in Deutschland beantragen.

Man kann von Neo Royal ja halten, was man will, aber sie ärgern immer auch die richtigen.


  1. Um mal ein paar Beispiele für anscheinend nicht ausreichend holzhammerige Kritik zu nennen:
    – „Ich own Polizei, denn ich zahl Höchststeuersatz“
    – „Denn ich hab Polizei, beste Schlägertruppe“
    – „Und wenn du dich beschwerst, glaubt jeder Polizei“  

  2. Dazu empfehle ich mal „Asylpaket 2“ zu googeln. 

  3. Vor drei Wochen ist die AfD in drei Landtage eingezogen und Böhmermann sang „Springtime for Hitler“ nach. 

  4. ACH DESHALB DIE ÜBERSCHRIFT! 

Herzscheiße

Ein Früher-war-alles-besser-Text über Facebook. Sorry. Außerdem spekuliere ich über psychologische Sachverhalte, die meines Wissens noch niemand getestet hat. Auch nicht die feine Art. Lieben Dank an Hannah für die Anregung.

Vor ein paar Jahren ist in der deutschen Sprache das „Liken“ aufgetaucht, denn anscheinend bestand Bedarf dafür. Das sperrige „Gefällt mir“ hat sich einfach nicht durchgesetzt und lässt sich auch nicht so einfach in ein Substantiv umbauen wie das Like, über das man wie eine Währung sprechen kann, wenn man seine Grindcoreband bei Bookingagenturen anpreist. Aber auch die Tätigkeit etwas zu liken ist vielschichtiger und kontextabhängiger als einfach sein Gefallen auszudrücken: Es kann bedeuten „Ich mag dich“, „Schaut euch das einmal an“, „Ich stimme dir zu“, oder auch „Ich fühle mit dir, furchtbar, was du da schreibst“. Ich selbst scrolle mich an besonders denkwürdigen Tagen auch mal durch die Kommentarspalten von „FOCUS Online“, um den einsamen Wölfen, die gegen den ganzen Irrsinn dort anschreiben, per Like auf die Schulter zu klopfen.

Es dürfte etwa Tag 1 nach dem Facebook-Launch gewesen sein, als der erste User irgendetwas las, was ihn aufregte, und kommentierte: „Where’s the dislike button >:O“

So nahm das ganze Elend seinen Lauf.
Und keine Angst, das wird jetzt nicht der hundertelfzigste Beitrag darüber, wie Facebook und andere soziale Medien das Meinungsspektrum einschränken, dem wir ausgesetzt sind, und Konformität fördern. Es geht mir viel grundsätzlicher um eine Einstellung, die entsteht, wenn ein Service- und Spaßunternehmen zum Informationsmedium gemacht wird.

Wäre Facebook ein Supermarkt, wäre der Like-Button die „We value your opinion“-Kiste neben den Recyclingtonnen am Ausgang, nur besser: Denn was mir gefällt und was nicht, spielt hier wirklich eine Rolle. Facebook macht mir ständig klar, dass es gerne wissen möchte, ob ich mit meiner Experience zufrieden bin, und passt sie meinen Bedürfnissen und Vorlieben an, denn nur glückliche Kunden sind gute Kunden.

Wir können je nach Scrollgeschwindigkeit wahrscheinlich etwa 20 mal pro Minute unseren Likedaumen heben, sodass sich irgendwann mehrere gefährliche Gedanken einschleichen:
1.) Meine Meinung, zu was auch immer, ist jederzeit gefragt und wichtig.
2.) „Gefällt mir“ und „Gefällt mir nicht“ sind relevante Kategorien, in die ich Erlebnisse in meinem Leben einordnen sollte.
3.) Ich habe ein Recht darauf, dass mir das, was ich sehe, gefällt.

Diese Ideen sind schon bescheuert genug, wenn es um die „Freundin springt mit ausgestreckten Armen am Strand“-Fotos geht, aber bei Nachrichten und Debattenbeiträgen wird diese Einstellung irrwitzig. Eine Kundenmentalität, bei der mein Gefühl und Gefallen die entscheidenden Kriterien sind, kann ich im Restaurant und im Supermarkt an den Tag legen. In allen anderen Situationen ist das einfach kindisch. Ein mündiger Mensch zu sein, bedeutet eben auch zu verstehen, dass es nicht das Wichtigste ist, ob mir etwas gefällt oder nicht, oder wie sich etwas für mich anfühlt.

Das erste Symptom dieser Egomanie ist dann die Forderung nach dem „Dislike“-Button. Wir wollen nicht nur unsere Empörung/Trauer/Wut ausdrücken, sondern wir können uns nicht einmal eine Minute für einen Kommentar nehmen, denn einerseits wird unsere Meinung ja noch unter 122 anderen Posts benötigt und andererseits müsste man in Worte fassen, wie man neben einem Bauchgefühl eigentlich zu etwas steht. Unzumutbar.

Auch die Flut von unqualifizierten Kommentaren unter den oben genannten FOCUS- und anderen Posts lässt sich in meinen Augen teilweise auf diese Mentalität zurückführen. Viele Reaktionen lesen sich wie Selbstgespräche über das, was gerade (teilweise) gelesen wurde, plus irgendwas mit Emotionen.

Und dann kamen die Smilies.

via biru.soup.io

Beim Liken ist teilweise noch eine Abwägung nötig: Ist ein Like eine angemessene Reaktion auf einen Nachruf? Möchte ich die Sichtbarkeit dieses Beitrags erhöhen? Sofern ich nicht mehr oder weniger genau „Das gefällt mir“ sagen will, gibt es eine inhaltliche Distanz zwischen dem Gefühl und der Reaktion, und kontextabhängig entscheide ich, ob das Like passt oder nicht.

Die Grinseköpfe machen den Facebookbesuch jetzt noch ein wenig egozentrischer, als der Dislike-Button es gekonnt hätte (so glücklich ich auch bin, dass es diesen Button nicht gibt). Die Leute sind anscheinend nicht nur daran interessiert, was mir gefällt, nein: Sie wollen es ganz genau wissen. Input, Reaktion, nächster. Meine Meinung zählt, und der Kunde ist König. Genau aus dieser Haltung heraus wird dann wohl die nächste Welle von Forderungen entstehen: „Where’s the I don’t care button, dude :|“

Offenlegung: Der Autor benutzt Facebook und freut sich, wenn unter einem seiner Beiträge jemand auf das Herzchen geklickt hat. Er selbst hat auch schon einmal auf das Herzchen geklickt und das war eigentlich ganz schön, bei Babyfotos und so.

 

Weiber!

Die paar Leute, die mein Blog lesen, lassen sich wohl komfortabel in einer übersichtlichen politischen Schublade verstauen, in der es nicht gerade chic ist, sich über die angeblich angeborenen, im Sinne von evolutionär geformten, Unterschiede von Männern und Frauen auszulassen. So weit, so angenehm, man muss ja auch nicht über jeden Scheiß unterschiedliche Meinungen haben. Um genau so einen Unterschied soll es heute aber gehen, und ich denke, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich behaupte: Etwa 99,8% aller Männer wissen nicht, wie es sich anfühlt, seine Tage zu haben. Schön für uns. Und gleichzeitig wohl die Quelle für eine der verquersten Spielarten der Frauenfeindlichkeit, die ich kenne.

Aus irgendeinem Grund habe ich in den letzten Tagen wieder gehäuft Leute sagen hören „XY [habe] seine/ihre Tage“, und wer diese Formulierung im nicht wörtlichen Sinne benutzt, muss bitte sofort damit aufhören, um kein Vollarschloch oder zumindest nicht wie Donald Trump zu sein. „Aber Dennis“, wirft Stuart S. Trohmann nun ein,“das heißt doch nur, dass man schlechte Laune hat, die der Situation zugeschrieben wird, obwohl sie andere Gründe hat. Nix Frauenfeindliches dabei.“ Danke für diesen Hinweis, Stuart, aber das ist natürlich Quatsch, wie sofort klar wird, wenn man „XY hat seine/ihre Tage“ versucht mit einer anderen Launeverderberei auszutauschen:

„Ich heute so zu Hortensia ‚Was geht heute Abend bei dir so, Schatz‘ und sie so ‚Verpiss dich, ich bin nicht dein Schatz.‘ Hat die ne Grippe oder was ist ihr Problem?“

Oder:
„Ey Gangolf, alter Freund und Kupferstecher, heute darfst du keine Witze über das Aussehen von Gerulfs Mutter machen, der musste heute zwei Stunden im T-Shirt durch den Regen laufen, haha!“

Oder auch:
„Hey Sigrun, scheidest du gerade unter Krämpfen die blutige Schleimhaut deiner Gebärmutter aus oder wieso bist du so eine Bitch heute?“

„XY hat ihre/seine Tage“ heißt: Er oder sie ist gereizt, und hat keinen legitimen Grund dazu sondern ist halt einfach ne Frau. Frauen, diese rätselhaften und unberechenbaren Wesen, sind aus geheimen Frauengründen nicht so gut gelaunt wie sonst und wir Männer müssen es ausbaden. Wie kommt’s? Eisenmangel? Die Hormone?

Hier mal eine Alternativerklärung:
„Tuuut Tuuut Tuuut hmja hallo?“
„Hallo Doktor Freudenberg, tut mir leid, dass ich Sie so spät noch störe.“
„Es ist vier Uhr morgens.“
„Ist ein Notfall.“
„Woher haben Sie meine private Nummer?“
„Es ist was sehr, äh, Privates und ich habe große Angst.“
„Wer sind Sie überhaupt?“
„Ich habe gerade Blut in meiner Unterhose gefunden. Also meins.“
„Mhm. Und woher kommt das?“
„Deswegen rufe ich ja an. Muss ich sterben?“
„Nein, ich meine, was blutet denn?“
„…“
„…“
Mein Penis.
„Was?“
„MEIN PENIS VERFICKT NOCHMAL! ICH BLUTE AUS MEINEM PENIS OH MEIN GOTT! UND DIESE BAUCHSCHMERZEN UND KRÄMPFE! UND OH GOTT ICH BLUTE AUS MEINEM PENIS!“
„Ja, das geht allen so. In fünf bis sechs Tagen sollte das vorbei sein.“
„Was? Einfach so? Und dann ist das erledigt?“
„Ja, dann haben Sie drei Wochen Ruhe.“
„OH MEIN GOTT WAS PASSIERT IN DREI WOCHEN?!“
„Dasselbe nochmal. Das, was sie gerade abstoßen, wächst…“
„WAS ICH GERADE ABSTOSSE?!“
„Also, das, was Ihr Körper gerade abstößt, wächst immer wieder nach, und nach drei Wochen stößt er es wieder ab.“
„Sie verarschen mich.“
„Nein.“
„Und wie oft geht das jetzt so?“
„So dreißig, vierzig Jahre, bis Sie unfruchtbar sind.“
„Ich glaube, ich muss brechen.“
„Ja, das geht vielen so.“
„Pfffff. Und was soll ich jetzt tun?“
„Sie können sich was in die Unterhose legen, dann bluten sie nicht auf ihre Klamotten.“
„Woher haben Sie nochmal ihre Approbation?“
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht, Frau Freudenberg.“

Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich will nicht sagen, dass Menstruation eine Krankheit ist oder so, ich finde nur, sie ist ein absolut einwandfreier Grund für schlechte Laune. Das macht sie zu einer schlechten Beleidigung für Leute und vor allem Frauen, denen wir keine Empathie entgegenbringen oder die Rationalität aberkennen wollen. Einen Vorschlag für eine zu diesem Zweck passendere Redewendung habe ich nicht, aber es ist ja auch nicht immer schlecht, mal etwas ersatzlos zu streichen.