Erstaunliche Menschen zum Staunen (1): Der Bon-Jovi-Mann

Ich schäme mich nicht 1, das zuzugeben: Manchmal packt auch mich der Drang, etwa als Akt betrunkener Verbrüderung, inbrünstig Bon Jovis Livin‘ on a Prayer 2 mitzukreischen. Heute traf ich im Bus das erste Mal jemanden, der diesen Song still für sich auf dem MP3-Player hörte, allem Anschein nach unnarkotisiert und auf dem Weg zur Arbeit. Nicht einmal seinen Head bangte er dazu. Er wischte einfach seelenruhig durch seine Facebook-Timeline und likete Gruppenselfies und Ottervideos wie alle anderen braven Fahrgäste auch, als würde sich da in seinen Ohren nicht gerade die gleichzeitig dramatischste und mittelmäßigste Rückung der Poprockgeschichte anbahnen.

Wie muss ich mir das Leben eines Menschen vorstellen, der ohne eine Gefühlsregung zu zeigen Livin‘ on a Prayer in einem vollen Bus hört? Ist der Song für ihn der tägliche Soundtrack zu einem „guten Start in den Tag“, wie ihn einem diese Formatradioarschlöcher immer wünschen?

Vielleicht fuhr aber auch gar nicht zur Arbeit, sondern nach der Nachtschicht heim, die Hände kalt und steif, die Beine schwer und müde, schloss kurz zufrieden die Augen und dachte bei sich: „Meine Schichten als Straßenlaternenwiederantreter mögen oft hart und einsam sein, aber spätestens wenn sich Richie Samboras Talkboxgitarre an den eisenharten Rhythmus schmiegt, sind alle meine Sorgen vergessen.“

Es ist mir unmöglich, beim Hören von Livin‘ on a Prayer Freude zu empfinden, solang ich dabei niemandem ins Gesicht schreien kann. Wer Bon Jovis Musik der Achtziger in aller Stille genießen kann, muss jemand sein, der sich selbst genug ist und nicht in den Pupillen irgendeines Gegenübers suchen muss, um zu wissen, wo er im Leben steht. Die Gewissheit, dass einer dieser bemerkenswerten Menschen nachts auf Heidelbergs Randbezirke aufpasst, lässt mich ruhig schlafen und süß träumen.


  1. Naja, eigentlich doch.  

  2. Obacht: Link führt zum Promovideo des Bon-Jovi-Hits Livin‘ on a Prayer

Angepasst

Ich: Hallo.
Sie (leicht schnaufend, aus dem Hinterzimmer kommend, osteuropäischer Akzent): Hallo, guten Tag.
Ich habe zwei Hemden gekauft, die sind mir aber hinten zu weit. Können Sie die umnähen?

Zeigen Sie mal her… Uff, so ein schmaler Kragen? Wer macht denn sowas?
Ich mag schmale Kragen ja ganz gerne.

Ja, die Mode macht ja alles Mögliche. Von wann sind die denn?
Die habe ich ganz neu.

Sowas machen Leute gerade? Naja, manche mögen das ja. Manche wollen auch gar keinen Kragen, so indisch.
Das finde ich auch schön.
Ja, das sieht toll aus und man muss nicht so viel bügeln. Ziehen Sie das erste Hemd mal an.

Oh Gott, was sind denn das für kurze Ärmel? Das ist jetzt modern? Das kann ich Ihnen hinten abnähen, wenn Sie möchten. Vorne brauchen Sie aber die Oberweite. Vom Sport, oder?
Ein bisschen Sport und viel Essen.
Haha, na gut, dann mal das andere. Das kann ich Ihnen auch so abnähen.
Super.
Das ist aber ein toller Stoff. Ich kann kritisieren, aber ich kann auch loben! Wenn Sie solche Hemden noch in anderen Farben kaufen können, sollten Sie das machen, das ist mein Tipp an Sie!
Leider nein, das gab es nur in blau.
In braun oder beige würde das aber auch gut aussehen. Was hat das denn gekostet?
War gar nicht so billig, 40 Euro, glaube ich.
Um Himmels Willen, da müssen Sie beim nächsten Mal im Schlussverkauf gucken!
Das war sogar schon runtergesetzt …
Zeigen Sie nochmal … Achja, bei denen zahlt man immer die Marke mit.
Das ist eine Marke, die ihren Nähern mehr Geld bezahlt, dafür ist es dann etwas teurer.
(Das Hemd musternd) Mhm …
Außerdem ist das aus Biobaumwolle und so.
Jaja, Bio. Manchmal quatschen die Leute aber auch einfach zu viel.
Haha, das mag stimmen.
Zum Beispiel das Auto da draußen. Ist auch von einem Biorestaurant, aber parkt direkt vor unserer Tür. Soll der doch da parken, wo Bio ist. Am Freitag können Sie dann die Hemden abholen.
Ich freu mich drauf.

Helden der Untätigkeit

Quelltext: gta.wikia.com

Achtung: Spoiler für Far Cry 4 im Text. Das ist zwar bereits über ein Jahr alt, aber es gibt ja auch Leute, die einen entsetzt anschauen, wenn man in einer Unterhaltung gewisse Details von „Psycho“ erwähnt („Den wollte ich am Wochenende gucken!“ Mhm, klar).

Easter Eggs in Videospielen machen mich sehr glücklich. Vermutlich habe ich mehr Zeit damit verbracht mir Videos von Ostereisammlern auf Youtube anzuschauen als mit Videospielen selbst, und das selbst dann, wenn ich die mehreren Tage (netto) auf der Rampe mit einberechne.

Wie bei echten Ostereiern auch, liegt der Reiz meistens nicht wirklich in dem, was gefunden wird 1, sondern der Spaß kommt vom Verstecken, Suchen und Finden selbst. Was die digitalen allerdings von den analogen Eiern unterscheidet, ist, dass man in der Regel gar nicht weiß, was man sucht, bis man es gefunden hat. Ob man nun zufällig im hintersten Winkel eines Levels eine Münze findet und – aus welchem Grund auch immer – auf diese schießt, oder einer Reihe unanständig elaborierter Hinweise folgt, man kann vorher nie wissen, was einen erwartet, oder wo man überhaupt suchen soll.

Manche Easter Eggs bekommen dadurch eine philosophische Dimension2. Sie laden zu einem Spiel im Spiel ein: etwas zu tun, das der internen Logik des Spiels widerspricht, ohne dass es dadurch irgendwie „vorwärts“ ginge, also eine Weile im Leerlauf zu verbringen. Der „Payoff“ ist manchmal lustig, manchmal bedrückend oder bizarr, aber nie nützlich. Manche Eier verlangen nahezu fanatisches Durchhaltevermögen, andere verspieltes Herumprobieren, wieder andere, dass man zur richtigen Zeit die richtigen Fehler macht, kurz: ein Easter Egg spiegelt auch die Lebenseinstellung seines Versteckers wieder, ist aber immer eine Absage an fokussierte Zielverfolgung und Linearität.

Das bringt mich zu meinem persönlichen Lieblingsei und nun auch endlich, davor sei noch einmal gewarnt, zum „Far Cry 4“ Spoiler:

Ajay Ghale ist in das Land seiner Geburt zurückgekehrt, aus dem seine Mutter mit ihm vor vielen Jahren geflohen war. Er will ihre Asche in ihrem Heimatort verstreuen. Das Land befindet sich im Bürgerkrieg zwischen Rebellen und dem charmanten, wenn auch psychopathischen und blutrünstigen Diktator Pagan Min, der den Helden gleich bei seiner Ankunft aufgreift und als Gast bewirtet. Das eigentliche Spiel beginnt, wenn Min Ajay bittet, kurz auf ihn zu warten, während er einen „Terroristen verhört“. Natürlich wartet man nicht, sondern macht die üblen Kerle im Verlies ausfindig und dann nimmt die ganze Ballerei ihren Lauf.

Ooooder man wartet eben doch und tut das Unsägliche, das, was kein Politiker, kein Arzt und kein Elternteil je offen tun durfte: Nichts. Einfach mal abwarten. 13 Minuten später ist Min wieder da und hält sein Versprechen Ajay ins Heimatdorf seiner Mutter zu begleiten. Auf dem „offiziellen“ Weg zu diesem Ende lassen geschätzte tausend Menschen ihr Leben.

„Wir können doch nicht tatenlos zusehen, wie [Schweinerei xy geschieht]“ ist eine Formel, die schon fast selbsterklärend und notwendig richtig klingt, und wir haben im Alltag eine Unmenge an Systemen von Rechenschaft und Kontrolle geschaffen, die diese Philosophie verstärken. Welches Problem auch immer auftreten mag, wichtig ist zunächst einmal nicht, was getan wird, sondern dass etwas getan wird. Man stelle sich einmal vor, der Wirtschaftsminister eines Landes würde in einer Konjunkturflaute verkünden, dass er und seine Kollegen daran nichts ändern könnten, entsprechend tatsächlich nichts tun und am Ende der Flaute auch noch behaupten, das habe an seiner Passivität gelegen. Undenkbar? Wieso?

So gerne ich mich mit Anhängern der Homöopathie streite, ob sie wirksam ist oder nicht3, genau darin liegt für mich ihr Wert: In einer Zeit des naiven Interventionismus4 einfach mal vom Arzt verordnet nichts zu tun. Die Gefahr der Homöopathie liegt natürlich bei Krankheiten, die eine schnelle und beherzt eingreifende Therapie benötigen, die dann verschleppt wird, teilweise, bis es zu spät ist. Fest steht aber auch: Mit vielen, vielen Beschwerden kommt der Körper sehr gut alleine klar, und je weniger man tut, desto besser. Lecker Kügelchen dazu? Klar, warum nicht. Nur den Zirkel aus „Hauptsache was tun“ und „Hurra, es hat geklappt“ durchbricht man dadurch leider nicht.

Nichts zu tun ist schwierig und muss mühsam erlernt werden, meiner Einschätzung nach aus zwei Gründen:
Zum einen bewerten wir das Risiko des Nichtstuns deutlich höher als das des Tuns. Ein Hahn, der jeden Morgen pünktlich vor Sonnenaufgang auf dem Misthaufen steht, kommt zu dem Schluss, dass die Sonne nur aufgeht, weil er morgens kräht. Sollte es dieser Hahn wirklich riskieren, diese Hypothese experimentell zu testen? Die Folgen könnten verheerend sein und er wäre Schuld an dem Schlamassel. Ein verantwortungsvoller Hahn darf so etwas natürlich nicht zulassen.
Zum anderen birgt das Nichtstun aber auch das Risiko einer tiefen narzisstischen Kränkung. Was ist, wenn die Sonne tatsächlich ohne den Hahn aufgeht? Hätten die Hennen noch Respekt vor ihm, wenn sich herausstellen sollte, dass er im großen Lauf der Dinge keine so zentrale Rolle spielt, wie er dachte?

Und so krähen und intervenieren wir alle auf Hochtouren weiter und wundern uns, dass trotzdem so vieles daneben geht, anstatt zu fragen, ob das Gekrähe vielleicht Teil des Problems ist. Gut, wenn wir davon kurz abgehalten werden und erkennen, wie schön und gut es sein kann nichts zu tun.

Anstelle eines kreisschließenden Eierwitzes möchte ich Georg Kreisler das letzte Wort überlassen und mich selbst zurücklehnen:


Kommentaranregung: Fällt Ihnen vielleicht ein Beispiel ein, wo es voll gut war, was zu machen anstatt nichts zu tun? Das klingt wie der Start einer fruchtbaren Diskussion, die dem Punkt des Texts total gerecht wird. Auf auf!


  1. Eine repräsentative Umfrage unter den zwei Personen, die gerade in der Nähe waren, ergab, dass über fünfzig Prozent der Deutschen hartgekochte Eier mit Lebensmittelfarbflecken „erträglich“ bis „irgendwie bäh“ finden 

  2. Nee, wirklich. 

  3. Ist sie nicht. 

  4. Herzliche Leseempfehlung dazu: Nassim Talebs „Antifragile“