Geister

Über dem Eingang der Neuen Universität, dem schönsten Unigebäude in Heidelberg, thront die Pallas Athene von Karl Albiker und schaut auf die Besuchenden wohlwollend, aber auch einigermaßen unbeeindruckt herab.

Bild der Athene-Statue über der Neuen Universität Heidelberg
By Immanuel Giel (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons
Letzte Woche fragten mich zwei chinesische Touristen, was die Inschrift übersetzt bedeute, unter der man da hindurchläuft:

DEM LEBENDIGEN GEIST

Nicht so einfach zu beantworten, weil das Wort „lebendig“ so wahnsinnig vielschichtig ist und jede seiner Bedeutungen so wundervoll und passend ist und mein Englisch nicht reicht um all diese Facetten darzustellen und ich diese Inschrift liebe und ich hoffe Sie haben jetzt nicht meinetwegen ihren Bus verpasst wie sagt man eigentlich tschüss auf chinesisch?

Ein lebendiger Geist ist nicht einfach nur nicht tot, sondern lebhaft, voller Tatendrang, aufmerksam, neugierig und spannungsgeladen. Wo es lebendig ist, da wächst etwas, lernt laufen, fragt und streitet und baut und reißt ab. Saftige Wiesen, leuchtende Augen, die Nase im Wind und die Ohren im Sand. Hach!

Aber wie jetzt das Wort „Geist“ übersetzen? „Mind“, also der Geist des Einzelnen? Sicherlich. „Spirit“ im Sinne von etwas, von dem man beseelt sein kann, eine Art Energie, die einen ansteckt? Auch das. Das Kollektive Bewusstsein? Kennen die beiden vielleicht den deutschen Exportschlager „Zeitgeist“? Kennen sie nicht, aber danke, und wie geht es von hier weiter zum Schloss.

1931 bekam die Neue Uni diese Inschrift und 1945 ein zweites Mal. Dazwischen hatten die Nazis goldrichtig erkannt, dass mit einem lebendigen Geist kein faschistischer Staat zu machen ist, hingen die Athene ab und änderten die Widmung 1936 in ihr Gegenteil:

DEM DEUTSCHEN GEIST

Pfff. Ich stelle mir vor, wie ich versuche, das jemandem zu übersetzen. Der Deutsche Geist, was soll das sein? Eine sinnentleerte Aneinanderreihung von Wörtern, die sich nicht aufeinander beziehen können.

DEM FREUNDLICHEN STANDMIXER

Wenn etwas ein „Geist“ ist, in welchem Sinne des Wortes auch immer, gibt es nichts daran, was deutsch sein könnte, und wenn etwas deutsch ist und das irgendetwas bedeuten soll, dann kann damit kein Geist gemeint sein. Bilder eines nörgelnden Gespensts drängen sich auf, das in einem Altglascontainer herumspukt und alle heimsucht, die um zehn nach sieben noch Flaschen einwerfen.

Gemeint ist natürlich ein kultureller Alleinherrschaftsanspruch einer politischen Kaste, die sich selbst zur Wächterin des „Deutschen“ ernennt, und jeden Geist, egal ob kollektiv oder individuell, der ihm nicht entspricht, verbannt und vernichtet: Was nicht Deutsch ist, ist kein Geist, und was Deutsch ist, bestimmen wir.

Die Einrichtung eines „Heimatministeriums“ ist begründet in der Idee eines „Deutschen Geistes“, den es zu bewahren gelte. Die Seehofers und Dobrindts und all die anderen Versager, die für diese Idee stehen, haben sich mittlerweile ganz DEM DEUTSCHEN GEIST verschrieben. Ihm wird nachgeeifert, zu ihm wird gebetet, und er duldet keine Götter neben sich, außer an Weihnachten und Ostern. Wenn Dobrindt die „konservative Revolution“ fordert, meint er damit, das Deutsche™ zum wichtigsten Kriterium zu erklären, und die Deutungshoheit darüber wieder an sich zu reißen.

Die Diskussion, ob der Islam zu Deutschland gehöre, ist ein typisches Beispiel: Skandalös ist nicht erst die Aussage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, sondern die Frage „Gehört der Islam zu Deutschland?“. Damit ist nicht gemeint „Spielt der Islam in der deutschen Mehrheitskultur eine Rolle?“ (jein) oder „Gibt es muslimische Deutsche?“ (natürlich). Bedeutung bekommt diese Frage erst durch den Deutschen Geist und einen Antidemokraten, der sich zum Richter darüber erklärt, ob „der Islam“ dieses stolzen Gespensts würdig ist. Ist ein Standmixer freundlich oder nicht? Sagen Sie doch mal, Frau Merkel.

Der Deutsche Geist ist eine Kampfansage an den Lebendigen Geist, der Betonköpfen wie der CSU-Führung schon immer ein Dorn im Auge war. Wenn man sie lässt, werden sie ihn immer weiter aus dem konservativen Lager herausschimpfen, -mobben, -prügeln, wo ihn bis jetzt noch einige verteidigen. Sobald sie das geschafft haben, steht dann auch endlich einem Anschluss an die AfD nichts mehr im Wege. Und dann wird endlich wieder diese Emanze mit dem Helm vom Unieingang abgeschraubt.