Aufbruch ins Private

Wenn jemand vom „Rückzug ins Private“ spricht, meint er/sie das meistens als Vorwurf. Dahinter steckt die Überzeugung, dass die Augen/Ohren zuzumachen und „La la la“ zu schreien keine Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit sei. Es gibt grob gesehen zwei Möglichkeiten, sich gegen diesen Vorwurf zu wehren: Man kann die Augen/Ohren schließen, „La la la“ schreien und sein Leben lang nur noch Wiederholungen alter Bob-Ross-Folgen ansehen, oder den Nörgelbacken entgegnen, dass das Private vielleicht alles ist, was uns jetzt noch retten kann.

Beweisstück 1 von 1: Doggos. Ja, Hunde. Fünfzehn Jahre lang 1 dachte man, Katzen wären nahezu die genetisch determinierten Herrscher des Internets. Doch das Regime der kleinen, süßen Terroristen scheint ins Wanken zu geraten durch die treudoofen, vom Leben als Gesamtkonzept konstant überforderten Helden, die nichts als Liebe zu geben haben.

Quelle: Imgur.com

Bei Katzen ist es ein bisschen wie bei ABBA: Ich mag sie, aber ich verstehe es gut, wenn man nichts damit anfangen kann. Aber süße Hunde? In Zeiten, in denen wir allen Ernstes wieder diskutieren, welche Form der Planet hat, auf dem wir wandeln, wird es immer einen Konsens geben, von der DKP bis zur „Republik Freies Deutschland“: Süße Hunde sind besser, als wir Menschen es je verdienen könnten.

Man bekommt wohl keinen Edginess-Bambi für die Behauptung, dass wir uns als Spezies derzeit gegenseitig schlecht leiden können. Streit-„Gespräche“ zu Facebookposts und Tweets beschleunigen von „[Kontroverse Meinung]“ auf „Lass dich von IS-Kämpfern vergewaltigen, dreckige Nutte“ in unter fünfzehn Minuten, unter Tweets des US-Präsidenten in einem ähnlichen Ton wie bei Werbung für Barbecuesauce. Nur unter Bildern von Good Boys und Girls herrscht Frieden und Einigkeit.

Wir werden – zum Glück – nicht so bald aufhören, uns zu streiten, und ich schätze eine gute verbale Prügelei mit der örtlichen AfD so sehr wie die meisten. Und trotzdem täte es gut, sich klar zu machen, dass diese dreckige Wichsfresse, die wieder ihre Meinung in unseren Feed scheißen musste, ein Mensch ist, der wahrscheinlich genauso dämlich aus der Wäsche guckt wie wir, wenn er einen kleinen Welpen gähnen sieht.

Plädoyers für mehr Nettigkeit und Flauschigkeit in der Welt werden von beiden Fronten eines Streits schnell niedergemacht als Rückgratlosigkeit oder implizite Zustimmung für die Anderen™. Aber wenn der letzte Flamewar des Tages ausgefochten ist, und man eh noch nicht schlafen kann wegen dieser einen Drecksau und ihren erbärmlich dummen Kommentaren, treffen wir uns doch wieder – unter anderen Pseudonymen – bei Freunden wie Barney, verdrücken uns ein paar Tränen der Freude und sind glücklich, dass wenigstens einer auf der Welt genau das bekommt, was er verdient:


  1. oder so 

Klassenclowns

Der Facebookaccount „AfD Heidelberg“ teilt ein Bild gegen Christopher Lauer und gewährt damit einen Einblick in sein Welt- und Menschenbild.

Bevor ich mich gleich an einer Textinterpretation versuche, habe ich meinen Lesern (hallo Max!) etwas zu gestehen: Achtung, jetzt kommt sie, meine große Lebensbeichte, deren Löschung aus dem kollektiven Gedächtnis ich kurz vor meiner Vereidigung als EU-Digitalgedöns-Kommissar bei Google beantragen werde, also Luft angehalten und hingesetzt: Ich bin kein großer Fan von Christopher Lauer. Ich finde ihn nicht fürchterlich, einiges, was er tut, sogar sehr richtig, aber wählen tät ich ihn auch nicht. Na ja.

Christopher Lauer ist seit ein paar Wochen die Lieblingszielscheibe einiger AfD-Mitglieder und Sympathisanten, nachdem er umstrittenerweise eine Email bei Twitter veröffentlichte, die ein AfD-Anhänger ihm über dessen Dienstaccount geschickt hatte.

Abgesehen vom betroffenen Sparkassenmitarbeiter und Lauer selbst müsste das alles heute niemanden mehr interessieren, und trotzdem hielt es der Betreiber des Facebookaccounts „AfD Heidelberg“ für eine gute Idee, dieses Bild hier weiter zu verbreiten:

Wenn man diesen kleinen Steckbrief mal mit dem „Selbstaussage-Ohr“ hört, wie Schulz von Thun sagen würde, erfährt man wahnsinnig viel über das Welt- und Menschenbild derjenigen, die es teilen.

Strophe eins:

Einzelkind

Das erste, was dem Verfasser dieses kleinen Lebenslaufs zu einem umstrittenen Politiker einfällt, ist dass er keine Geschwister hat. Mit nur einem Wort will man hier ein Charakterprofil vorzeichnen, und verrät gleichzeitig so wahnsinnig viel über sich selbst: Da ist jemand neidisch auf die ganzen Einzelkinder, die – da war man sich auf dem Schulhof einig – alles in den Arsch geschoben bekommen und die volle Aufmerksamkeit ihrer Eltern… Moment, was sagen Sie da?

 

Mutter (Beamtin) alleinerziehend

Das ist ja widerlich. Beamtin? Alleinerziehend? Und ein Sohn von so einer Hure, die für die Deutschland GmbH die Angestellten Bürger gängelt, will allen Ernstes mal mitreden in diesem Land? Ja wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt jedes dahergelaufene Scheidungskind meint, seine Meinung sei was wert.

Politiker kommen in Deutschland immer noch aus gutem Hause, soll heißen: Mutti ist zu Hause, Papa schafft in der (möglichst eigenen) Firma.
Weiter im Text:

 

Klassendepp (seine Worte: „Ich war ein einsames, kein glückliches Schulkind“)

Ein Junge, der früher Probleme in der Schule hatte, offensichtlich auch dabei, Freunde zu finden. Das weist vielleicht auch auf Außenseitertum und Hänseleien durch andere Schüler hin.

Oder wie man in der AfD Heidelberg sagen würde:

Ein Bild von Nelson, der Haa haa ruft
Quelle

KLASSENDEPP! Ist ja klar: Ein Politiker nimmt den Spastis mit den anderen zusammen das Pausenbrot weg, nicht anders herum! Führungsqualität!

 

Studium (abgebrochen)

Hier lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen. Da steht nicht „Studium abgebrochen“, auch wenn einige AfDler der Meinung sind, dass nur Akademiker Politiker sein sollten.

Stattdessen bedient das „Studium“ vor der Klammer alle, die eine Abneigung gegen Studierte generell haben, und erst gemeinsam mit der Klammer dann die „Keine Redezeit ohne Promotion“-Nische. Meisterhaft.

 

Fällt seiner alten Partei (Piraten) in den Rücken

Damit ist wohl gemeint, dass es verwerflich sei, aus einer Partei auszutreten, in eine neue einzutreten, und erstere öffentlich zu kritisieren.

Äh, ok.

 

2012 Preisverleihung „Troll des Jahres“

Stimmt. War aber nett gemeint. Egal.

 

Prostituiert sich für Axel-Springer (sic!)

Ja, so läuft das bei der AfD. Fleißig Welt-Online-Artikel teilen, in denen Broder mal wieder alles mit Kotze überzieht, was schön ist in der Welt, aber wer für Springer arbeitet, prostituiert sich. (Finde ich ja auch, aber die Inkonsistenz ist schon bemerkenswert.)



Wir fassen also zusammen:

  • Wer Politiker sein will, muss aus einer normalen™ Familie mit normalen Geschwistern kommen und nicht aus einem degenerierten Erfüllungsgehilfen Volksverräter- Beamtenhaushalt.
  • Wer einsam ist und wem die Schule keinen Spaß macht, der ist ein Vollidiot und darf nicht mit den coolen Kids von der AfD Heidelberg spielen. Wer Klassensprecher werden will, muss den Losern auch mal die Unterhose hochziehen können.
  • Überhaupt ist es für den Wert eines Menschen und seiner Meinung das Wichtigste, in den richtigen Clubs zu sein. Die richtige Familie, der richtige Freundeskreis, die richtige Partei. Denen gegenüber hat man loyal zu sein, was auch kommen mag. Wer nicht zu seiner Gruppe steht, ist ein Verräter, und wer keiner Gruppe angehört, ist zu verachten. Sieben der neun „Kritikpunkte“ an Lauer lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Der ist keiner von uns.

 

Wo bekommt man eigentlich so eine Social-Media-Blase, von der immer alle schwärmen?

Offenlegung: Ich engagiere mich für den Asylarbeitskreis Heidelberg, den Matthias Niebel, Heidelberger Gemeinderat der AfD, schon öfter öffentlich angegriffen hat.

Durchgehend geöffnet

Huhu,

ich habe mir jetzt ein eigenes Blog gepachtet, in das ich reinschreiben darf, was ich will (Kapitalismus!). Muss ja keiner lesen. Wird auch keiner lesen.

Falls du, liebes Kind der Generation Zukunft, immer top vernetzt und smartbephont die nächste Trendwelle reitend, dich hier trotzdem hin verirrt haben solltest, hoffe ich, du bleibst ein bisschen hier, machst es dir gemütlich (hey! Füße vom Tisch! Geht’s?) und schreibst auf die Serviette, falls du etwas Nettes zu sagen hast. Keine Schweinereien, keine Beleidigungen, das ist hier ein Familienrestaurant.

Um einerseits eine potentielle Leserschaft nicht schon am Anfang mit belanglosem Mist zu vergraulen, und mich andererseits nicht gleich wieder selbst auszubremsen, habe ich mich – und da gehe ich buzzwordmäßig voll mit der Zeit, wie ich meine – für ein Hybridmodell entschieden: Zunächst wird hier mal alles abgeladen, was mir so einfällt, und die Sachen, die ich wirklich lesenswert finde, teile ich bei Facebook und anderen Quatschportalen. Wer dann schonmal da ist und noch nicht genug hat, kann ja einfach gucken, was ihm sonst so gefällt. Nach und nach entwickelt sich dann hoffentlich so etwas wie ein Konzept oder eine thematische Richtung. Oder auch nicht. Mir eigentlich auch egal (s. erster Absatz).

Guten!


Kommentarangregung: Ich bin des Weiteren sehr gespannt zu sehen, wie viele lahme küchen- und restaurantbezogene Wortspiele mir noch einfallen und freue mich über sachdienliche Hinweise. Auch über den Rand im modischen Altrosa dürfen gerne Komplimente gemacht werden. Wenn sich hier jemand mit WordPress bzw. PHP auskennt, bin ich auch dankbar für einen Hinweis.